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09.10.2010 Der Tante-Emma-Laden erobert die Städte

Kleine Geschäfte feiern ein Comeback: Auf der Flucht vor anonymen Einzelhandelsketten kehren Städter zum Händler an der Ecke zurück. Von Steffen Fründt

Schlösser, Schräubchen, Häkchen, Winkel. Töpfe, Eimer, Klemmen, Stecker. Lappen, Bohrer, Klebstoff, Kleister?... Wer zum ersten Mal durch die Glastür der Eisenwarenhandlung Ferd. Schüllenbach im Hamburger Stadtteil St. Pauli tritt, möchte sich am liebsten erst einmal setzen. Und in Ruhe das deckenhohe Durcheinander von Dingen betrachten, die in einem Irrgarten aus Schubladenschränken und überbordenden Regalen ihren Platz gefunden haben. Und auf den Tag warten, an dem der Mensch kommt, der schon lange genau ein ganz bestimmtes dieser Teile gesucht hat.

"Moin. Ich brauche da mal son Nupsi?..." Das ist der meistgehörte Satz für Clemens, 61, Aenne, 64, und Alexander, 33, Flagge, Eisenwarenhändler in der fünften und sechsten Generation – die Lotsen im dem, was vordergründig nur Chaos ist. Bei ihnen findet man nichts von dem, was der Heimwerker aus den großen Baumärkten kennt. Keine Sonderposten mit Werkzeugramsch für einen Euro das Teil, keine 20 Prozent auf alles, auch keine Tiernahrung. Dafür gibt es ein Lager mit 49.000 verschiedenen "Nupsis", und die Flagges und ihre vier Mitarbeiter kennen jedes einzelne der kleinen Teile.

Ein Geschäft wie dieses dürfte es eigentlich gar nicht geben oder zumindest nicht mehr lange, glaubt man den Einzelhandelsstatistiken. Die Zahl inhabergeführter Fachgeschäfte hat sich in Deutschland von 106.000 im Jahr 1998 auf nur noch 56.000 im vergangenen Jahr praktisch halbiert. Zigtausende Lädchen und Geschäfte, manche seit über hundert Jahren in Familienbesitz, mussten aufgeben. Weil die Kunden in Scharen zu Filialisten, Franchise-Shops und in geklonte Shoppingcenter abwanderten. Das kleine Fachgeschäft schien ein Auslaufmodell – bis vor Kurzem.

"Reichlich Parkplätze, großes Sortiment, viel Billigware – als die Baumärkte aufkamen, hat uns das anfangs schon Kunden gekostet", sagt Aenne Flagge, die wie immer in ihrem orangefarbenen Kassenhäuschen sitzt, nebenbei das Telefon abnimmt und auch sonst alles mitbekommt, was im Laden vor sich geht. Erst gestern zum Beispiel der Kunde, der sich für zwölf Euro einen kompletten Stecknusskasten im Baumarkt gekauft und tags darauf reumütig bei Schüllenbach auf der Matte gestanden habe. "Nach dem ersten Einsatz war eine Stecknuss schon hinüber. Bei uns hat er sich dann etwas Vernünftiges gekauft, auch wenn hier eine einzelne Nuss 4,30 Euro kostet."
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