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19.09.2010 Häuser suchen Bauern





Der Schrumpfungsprozess auf dem Land.

Kaum Kinder, viele alte Menschen und keine Geschäfte, so sieht es in vielen Dörfern aus. Experten warnen seit Jahren vor einem Dorfsterben und Schrumpfungsprozessen auf dem Land. Mit Erfolg. In einigen Gemeinden tut sich was.

[...]

In Nordrhein-Westfalen hat man mit einem ähnlichen Projekt gute Erfahrungen gemacht: In der Nähe von Jülich liegt das Dorf Barmen. Eingebettet in die saftigen Wiesen des Rur-Flüsschens, beschattet von mächtigen Weiden und Erlen leben hier rund 1300 Menschen.

Einige Bürger haben sich vor sechs Jahren zusammengetan und das Geschäftsleben in ihrem Dorf reanimiert. Der Laden trägt den Namen Dorv. Dorv mit V - das steht für Dienstleistung und ortsnahe Rundumversorgung. Und in der Tat bekommt man in der ehemaligen Sparkassenfiliale alles, was man fürs tägliche Leben so braucht: Die Ladenangestellte Uschi Hölters:

"Kaffee, belegte Brötchen, Kaffee, Milch und Zucker, es sind Arbeiter, die morgens vorbei kommen"

Frische Back- und Fleischwaren, Gemüse und Obst liefern Produzenten aus der Region. Außer Lebensmitteln und Schreibwaren gibt es hier sogar Briefmarken und eine Paketannahmestelle. Im angeschlossenen Teil des Ladens sind Reisebüro, Informations- und Beratungsangebote für Altenpflege und Essen auf Rädern sowie ein Behördenservice für Personalausweis und Führerschein untergebracht.

"Die meisten sind froh, dass wir hier ein Geschäft haben. Ja, hier ist alles weggegangen, das war ja überall so, dass die Geschäfte weggegangen sind, die Supermärkte haben ja alles kaputtgemacht. Ja ich hab kein Auto, ich müsste dann mit dem Bus nach Jülich fahren, und wenn ich mir das Geld zusammenrechne, dann kauf ich hier genauso preiswert ein."

Alt und Jung kennen sich in Barmen. In der Regel ist man im Laden per du. Und dieses Gemeinschaftsgefühl hat auch dazu geführt, dass trotz vieler Bedenkenträger vonseiten der Behörden das Dorv-Zentrum verwirklicht worden ist. Heinz Frey, von Beruf Lehrer, hat es mit angestoßen. Er erinnert sich noch daran, wie sämtliche Geschäfte in der Ortschaft schlossen:

"Und bei der Sparkassenschließung ist uns bewusst geworden, dass da irgendwas falsch läuft. Das werde ich nie vergessen, weil die Sparkasse sagte: Na ja, die Oma hat ja ihr Schnitzel sich bisher auch mitbringen lassen von der Enkelin, das kann sie auch mit den 100 Euro machen. Und genau an der Stelle sage ich Nein, das macht sie eben nicht. Und dieses sich selbst bestimmen können, das ist eigentlich unser Motiv, weshalb wir das machen."

70.000 Euro Grundkapital mussten die Barmener Bürger anfangs investieren, aufgestockt durch ein Existenzgründungsdarlehen. Die Anteilscheine, mit denen sich die Dorfbewohner am Projekt beteiligten, bringen keine Rendite. Denn Laden und Dienstleistungszentrum müssen keine maximalen Gewinne abwerfen. Ihr Lohn, sagen Kunden, sei der soziale Profit.

"Was die Leute hier brauchen, man geht morgens in den Laden, hält sein Schwätzchen, man trifft sich, holt sein Brötchen da, hat 'ne Ansprache, und geht dann gut gelaunt nach Hause. Das ist eigentlich das Wichtigste, auch an dem Teil. Und deshalb hoffe ich, dass dieser Laden noch bestehen bleibt."

Die Kunden wissen, was sie an ihrem Laden haben und bleiben ihm treu. Das Dorv-Zentrum in Barmen ist als GmbH organisiert und muss sich dem Wettbewerb um Kunden natürlich stellen - bis heute laufen die Geschäfte zufriedenstellend, es gibt sogar ein leichtes Umsatzplus.

Auch die ärztliche Versorgung auf dem Land, ein großes Thema der Gesundheitspolitik, haben die Einwohner im nordrhein-westfälischen Barmen selber in die Hand genommen. Heinz Frey:

"Der Hausarzt, das ist jetzt unser Verdienst, wir haben eine Wohnung dazu gekauft, haben die umgebaut, 60 Quadratmeter reicht, zu einer zweit Arztpraxis. Und die wird jetzt zwei Mal die Woche von einem Arzt aus der Stadt Linnich betrieben. Und natürlich, das haben wir mit dem Arzt vereinbart, die Hausbesuche, und das ist mit Apothekendienst, mit der Apotheke aus dem Nachbardorf geregelt, sodass wir diese Versorgung in den Ort zurückgeholt haben."

Das Modell Dorv aus Barmen hat in ganz Deutschland Schule gemacht. Allein in Nordrhein-Westfalen gibt es mittlerweile fünf solcher Nahversorgungs-Zentren, die helfen, die Dörfer lebendig zu erhalten und auch den weniger mobilen, vor allem älteren Bewohnern ihren Alltag zu erleichtern.

Doch Patentrezepte, mithilfe deren man das Ausbluten und das Veröden ländlicher Regionen verhindern kann, die gibt es nicht. Dazu sind die Dorflandschaften zu verschieden. Um prosperierende ländliche Regionen mit einem wirtschaftlich starken Mittelstand, etwa im Schwäbischen, in Oberbayern oder im Sauerland, muss man sich keine Sorgen machen.

Andere Regionen im Osten Deutschlands oder Landstriche, die an der früheren Zonengrenze liegen, werden es ohne öffentliche Fördermittel dagegen kaum schaffen. Auch das LEADER-Programm der Europäischen Union unterstützt viele kleine Maßnahmen. Es werden Ehrenamtliche, Vereine und Netzwerke vor Ort mit einbezogen, die Ideen für ihre Dorfgemeinschaft entwickeln sollen: Hier ein Mehrgenerationenhaus, da eine Skaterbahn für Jugendliche, woanders wird ein Freibad renoviert oder ein Dorfladen wiederbelebt. Denn entgegen der öffentlichen Wahrnehmung hat der ländliche Raum seine Bedeutung noch lange nicht verloren. Die Hälfte der gut 82 Millionen in Deutschland lebenden Menschen wohnt auf dem Land. Die Zukunft vieler Dörfer ist zwar gefährdet, eine lebendige Dorfgemeinschaft aber kann sie wieder sichern helfen.

Deutschlandfunk Radio am 19.9.2010, 18:40 Uhr. Zum Originalartikel ...