05.09.2010 Tante Emma ist wieder da





In vielen Dörfern gibt es kein Lebensmittelgeschäft mehr. Die Landbewohner greifen deshalb zur Selbsthilfe und gründen sogenannte Bürgerläden Von Andreas Fasel

Als auch noch die Sparkassenfiliale dichtgemacht werden sollte, packte Heinz Frey die Wut. Zwei Metzgereien und der Bäcker hatten schon vor Jahren aufgegeben. Die Sparkasse war zu einem Gebäude mit Symbolwert geworden: zum letzten verbliebenen Hinweis, dass Jülich-Barmen ursprünglich nicht nur eine Ansammlung von Häusern war, sondern ein Dorf, in dem Menschen zusammenleben und ihre alltäglichen Besorgungen erledigen konnten.

Doch alles Schimpfen und Beschweren half nichts: 2001 schloss die Bank-Filiale. Daraufhin tat sich Heinz Frey mit vier anderen Barmenern zusammen. Sie gründeten eine Aktionsgruppe, zogen durch die Republik und suchten nach einem Rezept, das dem siechen Dorf mit 1400 Einwohnern wieder auf die Beine helfen sollte. Doch dieses Patentrezept gab es nicht. "Wir fanden allerdings einzelne Ideen", sagt Frey. Man musste sie nur noch zu einem Ganzen zusammenfügen.

Das Ergebnis dieser Überlegung heißt DORV-Zentrum (das Kürzel steht für "Dienstleistung und Ortsnahe Rundum-Versorgung"). Was auf den ersten Blick aussieht wie ein normaler Laden, ist eine Modernisierung und Ausweitung des alten Tante-Emma-Prinzips. In einem unspektakulären Klinkerbau in Jülich-Barmen kann man eine wilde Mischung aus Lebensmittelgeschäft, Bürgerbüro und Café bestaunen. Hier bekommt man nicht nur Tütensuppen und Frischfleisch, sondern auch Kindergeldanträge und Anmeldungen für das Auto. Der Geldautomat der abgezogenen Sparkassenfiliale ist auch noch da. Und durch den Hintereingang erreicht man gewissermaßen die DORV-eigenen Behandlungsräume: ein Arztes aus dem Nachbarort bezog hier seine Zweitpraxis. Hinter der DORV-Idee steht ein Verein mit rund 160 Mitgliedern sowie eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts als Betreiber. Heinz Frey, Lehrer von Beruf, ist der ehrenamtliche Geschäftsführer.

In vielen Orten tun sich Bürger zusammen, um in Eigeninitiative wieder einen Laden in ihrem Dorf anzusiedeln und zu betreiben. "Ein Laden ist eine Art Lebensversicherung für ein Dorf", sagt Frey. Denn wenn die Prognosen für den Bevölkerungsrückgang auch nur annähernd eintreffen sollten, dann werden eines Tages auch in NRW ganze Dörfer verschwinden. Diejenigen, in denen nichts mehr los ist, werden dann die ersten sein.

Das weiß man auch in Simmerath-Eicherscheid. Das Dorf in der Eifel hat in diesem Jahr an einem Europäischen Wettbewerb zur Dorferneuerung teilgenommen. Vereinsleben, Zusammenhalt und Gemeinsinn sind hier geradezu vorbildlich. Und ein zentraler Bestandteil des Eicherscheider Dorfstolzes ist der seit über hundert Jahren existierende Genossenschaftsladen - so ist das Dorf unabhängig von den Launen der Lebensmittelketten. Als der Genossenschaftsladen vor zwölf Jahren renoviert werden musste, steckten die Eicherscheider 3000 Stunden ehrenamtliche Eigenleistungen in ihren Laden. Vor zwei Jahren übernahm die Genossenschaft sogar ein zweites Geschäft in einem benachbarten Dorf, im vergangenen Jahr kam noch ein dritter hinzu. Die Dorfbewohner können Genossenschaftsanteile à 30 Euro kaufen. "Viel wichtiger für unser Überleben ist aber, dass die Vereine im Dorf ihre Einkäufe über den Genossenschaftsladen abwickeln", sagt Vorstand Hermann Gostek. Die Bürger eines Dorfes müssen also begreifen, dass es ihr Laden ist und dass es nur eine Möglichkeit gibt, um ihn am Leben zu halten: einkaufen. Sonst hat er gegen die Großen keine Chance.

Dabei sind die Preise im Tante-Emma-Laden weitaus besser als ihr Ruf. Der Unternehmensberater Wolfgang Gröll, der vor allem in Süddeutschland die Wiederbelebung der Dorfläden seit Jahren begleitet, rechnet im sogenannten Trockensortiment mit einem Preisnachteil von etwa zwei bis vier Prozent gegenüber Supermärkten. "Ihr müsst auf euer Preis-Image achten!", so lautet deshalb Grölls Credo, das er den Dorfladenbetreibern predigt. Soll heißen: Ruhig mal ein Tief-Preis-Angebot ausrufen, das vielleicht gar keines ist. Die großen Ketten machen es schließlich genauso. Außerdem ist der Preis nicht alles. "Ein Dorfladen kann das Fleisch und die Brötchen von Herstellern der nächsten Umgebung anbieten, ein Edeka-Markt kann das nicht", sagt Gröll.

Es gibt verschiedene Geschäftsmodelle, mit denen ein Dorfladen betrieben werden kann. Doch nicht alle sind gleich erfolgreich. Problematisch sei der Einmann-Einzelhändler, der im alten Tante-Emma-Stil wirtschaftet, sagt Gröll: "Der arbeitet ja von morgens bis abends in seinem Geschäft - und hat keine Zeit und Energie mehr übrig, um an seinem Laden zu arbeiten", sagt Gröll. Besonders bewährt haben sich hingegen die sogenannten Bürgerläden. Das funktioniert so: Bürger organisieren Kapital und entwickeln eine Idee. "Da sind oft sehr intelligente Leute beteiligt, die sich gut informieren und so das Ladenkonzept immer wieder an veränderte Bedingungen anpassen und erneuern können."

Das Jülich-Barmener DORV-Projekt von Heinz Frey und seinen Mitstreitern ist geradezu ein Musterbeispiel für einen klug geführten Bürgerladen. Wer mit Frey spricht, merkt schnell, dass es ihm um weit mehr geht als nur darum, in seinem Dorf Brot und Butter kaufen zu können. Er, der Lehrer für Geschichte und Politik, hat das große Ganze vor Augen. Er hat die Hoffnung, dass mit Einrichtungen wie dem Barmener DORV-Laden die Lebensqualität im ländlichen Raum verbessert wird.

Für diesen umfassenden Ansatz ist das DORV-Zentrum schon oft als vorbildlich und zukunftsweisend gelobt und mit Preisen ausgezeichnet worden. Kein Wunder also, dass immer wieder Bewohner anderer Dörfer kamen, um sich diesen ungewöhnlichen Laden anzuschauen. "Es wurden immer mehr, die fragten, ob sie das nicht auch haben könnten", erzählt Frey. Kurzerhand integrierte er auch diese Beratung ins DORV-Konzept. Die DORV-Truppe aus Jülich-Barmen erstellt für wenig Geld Gutachten für andere Dörfer.

So wurde aus dem kleinen DORV-Laden inzwischen eine Marke, die bereits in einem halben Dutzend Dörfer kopiert wurde. Zuletzt hat vor einem halben Jahr im sauerländischen Völlinghausen ein DORV-Laden eröffnet. Freilich lässt sich das Prinzip DORV nicht auf jeden Ort übertragen. Und mancherorts muss eine mit viel Enthusiasmus gestartete Initiative bald erkennen, dass es wohl doch nicht so einfach ist, einen Dorfladen zu betreiben.

Auch in Pömbsen, einem 530-Seelen-Flecken bei Bad Driburg, hatte man nach langer Planung resigniert wieder aufgegeben. Doch dann meldete sich eine Pömbserin, dass sie den Laden lieber im Alleingang betreiben werde, als darauf zu verzichten. Seit zwei Jahren führt nun die 46-jährige Maria Behrens das Pömbser Lädchen. Und sie hat kein Problem damit, dass sie inzwischen im Ort nur noch Tante Emma genannt wird.
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